Die vergangenen zwei Tage habe ich mich erneut mit Günter Reisch in Weimar getroffen. Ihr könnt euch vorstellen, wie ich auferegt vor ihm sitze. Dann steht er auf, will irgendetwas aus seiner Tasche holen, um es mir zu zeigen. Auf dem Weg dorthin streicht er sein lichtes Haar zurück. Er verweilt einen Augenblick mit dem Daumen in der linken Wange und kehrt um, sich eben lächelnd wieder zu mir zu setzen. Die besondere Komik dieser Szene besteht jedoch darin, dass ich inzwischen interessiert aufgestanden bin. So ergibt sich ein bizzarrer Tanz um die Sangriaflasche auf dem schmalen Tisch zwischen uns.
Diesmal war die Situation eine andere. Ich kam etwas später, zu dem Seminar, in welches er mich geladen hatte. Ohne dass wir uns begrüßten, saß ich plötzlich in der ersten Reihe. Es war mir als würde ich in dieser halben Stunde mehr lernen und verstehen, als in den vier vergangenen Semestern. Ich konnte gar nicht mehr so schnell schreiben... In der Pause sprach er mich dann beinahe selbstverständlich mit meinem Vornamen an. Er war mit einmal nicht mehr sehr fröhlich. Mit geschlitzten Augen legte er für einen Moment seine warme Hand auf meine junge Schulter und erzählte mir, wie er einen Brief an mich geschrieben hätte, ihn aber abgebrochen habe und mich vergessen wollte. "Flux" sei nicht gerade das, was er unter Film verstehe. Ich würde einen ausgeprägten Sinn für all diese visuellen Sachen haben - Kradierung, Auflösung, Arrangement und so. Es gäbe einen sehr interessanten Schnitt, mit einem erkennbaren Rhythmus und netten Ideen. Aber das wichtigste würde ich nicht mal in den Grundzügen beherrschen. Ob ich wüßte, dass es so etwas wie Dramaturgie gibt... Schauspieler müssen geführt werden und sind nicht hilflos vor die Kamera zu stellen...
Es geht eigentlich immer darum eine Geschichte zu erzählen!
Ich mußte mir dann den gesamten Nachmittag scheinbar unzusammenhängende Filmausschnitte in einer Kulisse von sechs weiteren Studenten in meinem Alter, ansehen - dürfen.
Schließlich meinte er, dass er keinen Sinn darin sehe, "Paul den Fisch" zu betreuen. Er hatte das Exposee gelesen und meinte für so etwas würde man ihn nicht brauchen. - Ich war noch nicht mal enttäuscht. Denn eigentlich hatte er mir schon mehr als erwartet geholfen.
Heute Morgen war gerade genug Zeit, um viereinhalb Seiten Notizen zu machen, zwei Schauspielübungen zu beobachten und eine handvoll Kurzfilme zu analysieren. Bevor er abreiste, versicherte ich mich, dass er unser Drehbuch eingepackt hatte. Im Treppenhaus versprach er, das Buch wenigstens einmal zu lesen und ermutigte mich, ihn Ende nächster Woche anzurufen...
Dann war er weg... ...und ich wollte noch so viel Fragen. (j.f.)
[ Jean ]
Welch hartes Urteil für unseren letzten Film und Deine Arbeit daran ... einiges davon hatten wir selbst bemängelt, anderes konnten wir vermutlich gar nicht wissen oder haben es in unserer Euphorie übersehen.
Um so besser, daß wir diese Kritik jetzt bekommen! Noch ist es nicht zu spät, und "Paul der Fisch" kann dadurch nur Stück für Stück besser werden ...
Ich hoffe auf einen ausführlicheren mündlichen Bericht!